Mittwoch, 4. November 2015

Spieglein, Spieglein... die Körperwahrnehmung

Ich habe mir letztens Gedanken über Wahrnehmung gemacht.
Anlass dafür war das Einparken. Ich musste ja jahrelang die Fahrertür ganz öffnen können, um da heil rauszukommen, indem ich beide Füße auf den Boden stelle und mich dann erst am Lenkrad vorbei aus dem Sitz schiebe. Seitliches Herauswinden auf einem Bein lassen meine Knie nicht zu. Letztens habe ich dann aber endlich realisiert, dass es jetzt reicht, die Fahrertür zu Zweidritteln zu öffnen und ich auch dann am Lenkrad vorbeikomme.


Wie kann es überhaupt zu so einem massiven Übergewicht kommen?

Ich rede nicht von krankheitsbedingten Ursachen, sondern von zuviel Nahrung und zuwenig Bewegung.
Spätestens wenn die Klamotten zu eng werden und immer wieder eine größere Größe gekauft werden muss, muss man doch irgendwann merken, dass da etwas ganz gewaltig aus dem Ruder läuft. Wenn die Ringe nicht mehr auf den Finger passen, weil man sich Wurstfingerchen angefressen hat. Kann man wirklich so gut im Verdrängen sein, dass man seinen Körper und sein Spiegelbild völlig ignoriert?

Also, ich war darin sehr gut. 

Spiegel habe ich komplett gemieden, ich besitze gar keinen Standspiegel. Als ich vor fast 4 Jahren umzog und einen neuen Kleiderschrank kaufte, wollte der Verkäufer mir einen mit einem großen Spiegel in der mittleren Tür verkaufen. Den habe ich abgelehnt mit dem Gedanken im Hinterkopf "Boah, nee, ich will nicht ständig an meinem fetten Spiegelbild vorbeigehen". Also habe ich nur den Spiegel im Bad, aber der zeigt ja nur den Oberkörper.
Allerdings gucke ich mittlerweile schon eine Weile, wo ich einen Standspiegel in meiner Wohnung noch unterbringen kann. Jetzt möchte ich nämlich sehen können, wie eine Hose oder Jacke von hinten sitzt und ich hätte gerne einen dieser Standspiegel mit Innenleben für Schmuckaufbewahrung.


Ja, ich war mir peinlich und habe mich für mein Aussehen geschämt.

Fotos gibt es von mir nur sehr wenige und wenn es Gruppenbilder sind, kann man wetten, dass ich im Hintergrund stehe. 
Aber abgenommen habe ich trotz Scham und Peinlichkeitsgefühl nicht, jedenfalls nicht kontinuierlich und dauerhaft. Warum ich lieber meinem Spiegelbild aus dem Weg gegangen bin als daran zu arbeiten, mich wieder freiwillig und gerne anzusehen? Ich weiß es nicht. Unglücklich genug war ich ja mit meinem Äußeren, aber ich habe lieber weitergegessen, obwohl ich doch wusste, dass mich das auch nicht glücklich machen kann.
Diese negativen Gefühle sind jetzt auch noch nicht weg. Aber ich weiß ja, was ich schon geschafft habe und dass ich viel besser als vor einem Jahr aussehe. Das Allermeiste habe ich übrigens mit LC geschafft... zwar hab ich vorher auch schon abgenommen, aber auch wieder zugenommen, und bevor ich den Dreh zu LC bekam, war ich schon wieder ziemlich genervt und mutlos.
Die übliche Diätkarriere eines dicken Menschen habe ich hinter mir, das kennt ihr bestimmt auch. Kohlsuppe, 1000 Kalorien, fettarm, Kartoffeldiät, Zitrusfrüchte, Eier, was auch immer... ich habe im Laufe der Jahre soviel ausprobiert. Manchmal habe ich sogar gut abgenommen, aber dank Jojo war nach einiger Zeit wieder mehr als vorher da.
Heute weiß ich natürlich, dass sämtliche Diäten, die stark unterkalorisch, also unter dem Grundumsatz ernähren, langfristig nicht richtig sind (damit meine ich nicht, mal ein, zwei Wochen wenig zu essen, um in das neue Kleid für die Hochzeit zu passen oder sowas), ich mich aber dauerhaft umstellen muss, quasi für den Rest meines Lebens.

Das klang am Anfang ziemlich erschreckend: für immer. 

Genau dieser Gedanke der Dauerhaftigkeit hat mich wahrscheinlich ganz lange, bis vor fast 6 Jahren, davon abgehalten, endlich mit dem Rauchen aufzuhören. Nie wieder die Kippe zum Kaffee morgens? Nie wieder die Fluppe nach dem Essen? Nie wieder genüsslich eine rauchen und dazu ein Glas Rotwein trinken?
Echt, ich habe mich mit Raucherhusten, Kurzatmigkeit und dazu noch dem Übergewicht herumgeschleppt, nur um dem "Nie wieder" zu entgehen. Bis ich dann irgendwann bei der zweiten eitrigen Bronchitis hintereinander merkte, dass ich entweder rauchen oder atmen kann. Da hab ich von heute auf morgen aufgehört und seitdem nie wieder eine Zigarette angefasst. Es fiel mir anfangs fürchterlich schwer, aber heute ist mir der Gedanke an stinkige Klamotten, verrauchte Räume und miefende Haare zuwider und das Nichtrauchen ist mein Normalzustand, nicht weiter erwähnenswert.
Und so etwa geht es mir jetzt mit Low Carb. Das ist ganz einfach meine Ernährung und völlig normal.
Der größte Unterschied zwischen Nikotinabhängigkeit und Fresssucht dürfte der sein, dass Nikotin wirklich körperlich abhängig macht. Hm, da muss ich nochmal nachdenken... die Umstellung auf ein zuckerfreies oder -armes Leben soll ja viele Menschen auch in entzugsähnliche Zustände treiben. Vielleicht kann man das doch vergleichen?
Bestimmt vergleichen kann man wohl die nötige Konsequenz. Ich würde mich nie trauen, auf einer Party oder so mal ab und an eine Zigarette zu rauchen - das wäre mir als ehemalige wirklich starke Raucherin viel zu gefährlich, weil ich Angst habe, wieder in die Sucht zu schlittern. Dafür hab ich mich nicht durch den Nikotinentzug gequält.
Bei Zucker/Kohlenhydraten ist das ja vermutlich rein körperlich nicht ganz so dramatisch, wenn man mal ausnahmsweise eine Pizza oder einen Burger isst. Die Gefahr besteht dann eher darin, hier eine Ausnahme und da eine Ausnahme zu machen, bis sich dann irgendwann die Kilos wieder auf der Hüfte festklammern.

Kommentare:

  1. Ich habe bis heute keinen Standspiegel :)
    Bei mir ging es in meinen schwergewichtigsten Zeiten sogar soweit, das ich Spiegel und alle Dinge in denen ich mich spiegeln konnte schon von weitem geortet und gemieden habe.

    Ich lebe jetzt schon sehr lange LowCarb und es hat wirklich einige Zeit gebraucht, bis ich akzeptieren konnte das ich manche Dinge "nie wieder" essen sollte. Wie es mit Verboten halt so ist, habe ich es hin und wieder doch getan, gemerkt wie schlecht es mir dabei ging und heute ist es für mich keine Restriktion mehr, sondern meine Lebensweise - die mir gut tut.
    Natürlich kann ich wieder "normal" essen, doch werde ich dann auch wieder mit den Auswirkungen die Highcarb auf mich nun mal hat, leben müssen. Sowohl mit den Gesundheitlichen als auch mit den Gewichtstechnischen.

    Ausnahmen sind eine sehr gefährliche Sache die mich gerade in den ersten zwei bis drei Jahren viele Rückschläge gekostet haben. Solange man "Ausnahmen" macht, beschäftigt man sich nicht mit Alternativen. (Wer sucht schon nach einem guten Pizzaersatz wenn er notfalls doch einfach eine richtige Pizza isst)

    Aber wem erzähle ich das? Solange du akzeptierst das diese Ernährungsumstellung für immer ist und dazu auch mal Rückschläge, Abnehm-Plateaus und viele Lernschritte gehören (Ich esse nach sechs Jahren Lowcarb anders Low Carb als heute) bist du auf dem richtigen Weg. Ich wünsche dir weiterhin viel Erfolg und die Kraft auch bei dieser Ernährung zu bleiben (in stressgeplagten Zeiten lockt dann doch manchmal das Convenience Food) und an dir zu arbeiten. Was gut tut und was nicht zeigt dir dein Körper normalerweise sowieso. Und auf deinen Nachher-Fotos siehst du nicht nur dünner aus - sondern auch gesünder - und jünger!

    Lg Maerzhasi

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Hallo Märzhasi,

      zunächst einmal vielen Dank für deine offene und ausführliche Antwort!
      Hast du für dich eine Antwort gefunden, warum man lieber dem Spiegelbild aus dem Weg geht als sich zu verändern? Kann das unter anderem auch an einer grundsätzlichen Angst vor der Veränderung liegen?
      Hast du Probleme mit Diabetes oder Zöliakie oder was meintest du mit den gesundheitlichen, nicht nur gewichtstechnischen Auswirkungen von High Carb?
      Und wie hat sich dein Low Carb verändert, wenn du heute anders als vor 6 Jahren isst?

      Danke für deine guten Wünsche und für das kompliment mit dem jüngeren Aussehen ;))

      LG
      Cab

      Löschen
  2. Ich denke es liegt daran, dass es eben nicht so einfach ist sich zu verändern. Von den Dicken die herumlaufen - ich will gar nicht wissen wie viele von ihnen mit ganzer Kraft versuchen abzunehmen - scheitern und noch dicker werden.
    Sie geben sich selber die Schuld, verachten sich dafür und können den Anblick ihres eigenen Spiegelbilds kaum noch ertragen. Das Unterbewusstsein schiebt eine Art Schutzriegel vor - um sich nicht täglich mit Frustration, Resignation und dem Gefühl von Versagen zu quälen.
    Man siehst sich selbst nur noch durch eine Art Schleier. Man weiß, dass man dick ist, aber hört auf zu beobachten wie dick. Ab einer gewissen Gewichtsklasse geht Kleidung sowieso schnell kaputt. Die neue einfach eine Größe größer kaufen ist dann keine große Sache mehr (weils bequemer ist - oder weils am Schnitt liegt, dass sie so eng ist) Ich glaube nicht, dass man damit der unbequemen Wahrheit aus dem Weg gehen will- sondern einfach nur irgendwie überleben will, ohne jedes Mal dabei vor Verzweiflung den Spiegel zu zertrümmern

    Es gibt auch mit Sicherheit auch einige die Angst vor Veränderung haben und sich ihr Gewicht als eine Art Schutzschild angegessen haben. Aber ich glaube, dass es ab einer gewissen Gewichtsklasse mehr als nur die Angst vor Veränderung ist - wenn man zunimmt verändert man sich schließlich auch. Die Gründe sind meistens vielfältig, oft körperlicher UND seelischer Natur und von Mensch zu Mensch unterschiedlich. Eine Kombination die Ärzte im Normalfall überfordert - wodurch es wieder schwer ist Hilfe zu finden.
    Was ich habe konnte nicht zweifelsfrei festgestellt werden. Mir ging es gesundheitlich immer schlechter, Magenkrämpfe, Druck auf der Lunge, Schwindelanfälle, geschwollener Gaumen und so weiter.....
    Parallel dazu habe ich (um abzunehmen) mit LowCarb begonnen und siehe da - auf einmal fing es an mir auch gesundheitlich wieder besser zu gehen. Offensichtlich reagiere ich sensibel auf Gluten - auch wenn Zöliakie nicht festgestellt werden konnte.
    Geändert haben sich meine Rezepte und mein Verhältnis zum Essen. Wenn man aufwächst, dann eignet man sich ja ein Sammelsurium an Rezepten an, von denen man weiß, dass sie einem schmecken. Durch die Ernährungsumstellung konnte ich fast alles in die Tonne schmeißen - nur wenig lies sich umändern. Dadurch entstand gerade am Anfang ein gewisser Frust - ich hatte fast das Gefühl als müsse ich das Kochen neu lernen. Dadurch blieben meine Rezepte simpel und das Verlangen mal wieder "normal" zu essen war permanent da - ich hatte einfach noch nicht die Fertigkeiten um viel Abwechslung reinzubringen
    Heute habe ich einen soliden Grundstock an gut schmeckenden Low Carb Rezepten, die ich meinem Geschmack und meinen Bedürfnissen angepasst habe. Ich habe viele neue Zutaten kennengelernt, mein Gewürzregal ist gut bestückt und benutzt und mir schmeckt wesentlich mehr Gemüse als früher. Ich esse hauptsächlich Bio, so gut es geht regional und habe einen ganz anderen Bezug zu Lebensmitteln.
    Und jetzt habe ich wieder einen halben Roman geschrieben. Entschuldige vielmals- irgendwie summiert sich das so schnell :))
    Lg Maerzhasi

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. *Ich glaube nicht, dass man damit der unbequemen Wahrheit aus dem Weg gehen will- sondern einfach nur irgendwie überleben will, ohne jedes Mal dabei vor Verzweiflung den Spiegel zu zertrümmern *
      Das ist gut möglich, so deprimierend es auch klingt.
      Mein Standspiegel kam heute an. Ich musste ihn aber so stellen, dass ich nicht ständig darin erscheine. Traurig ist das irgendwie schon, aber ... nun, es ist jetzt einfach so. Vielleicht brauche ich eine Art Konfrontationstherapie mit meinem Spiegelbild /-)
      Wenn du Probleme mit Gluten hast, ist Pizza mit Weizenmehlboden natürlich ganz schlecht. Rezepte zu logifizieren ist ja sowieso nicht immer möglich und oft mit Geschmackseinbußen verbunden (wobei ich mir gestern ein Brötchenrezept mit Chia- und Leinsamenmehl ausgedacht und ausprobiert habe, dessen Ergebnis mich fast an ein Roggenbrötchen erinnert).
      Ich habe zum Glück nicht sooo viele Rezepte in die Tonne kloppen müssen. Mein geliebtes Risotto vermisse ich allerdings schon manchemal. Kartoffeln ersetze ich durch Steckrüben, Reis und Nudeln fallen weg. Shirataki-Nudeln finde ich nämlich ganz grausam, da lasse ich sie lieber gleich weg, bevor ich auf knorpeligem Nudelersatz herumkaue. Aber Gemüse mochte ich immer schon gerne, außer vielleicht Fenchel. Insgesamt kam Low Carb mir doch ziemlich entgegen, weil ich eben Fett und Eiweiß essen kann.

      Den anderen Bezug zu Lebensmitteln kann ich bestätigen. Auch wenn ich nicht grundsätzlich Bio kaufe, so achte ich doch wenigstens auf den regionalen Anbau und auf möglichst wenig Verarbeitung. Ich koche viel mehr als früher und vor allem backe ich seit neuestem meine Brötchen meistens selbst.
      Hast du einen blog, in dme man einige deiner Rezepte sehen kann?

      Und entschuldige dich bloß nicht für deine halben Romane! Ich bin ausgesprochene Leseratte! ;))

      Löschen